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Vollzeitstudium, Teilzeit-Realität:
Warum Regelstudienzeit längst die Ausnahme ist

Ein Blick auf die Realität an unserer Hochschule: Zwischen Erwerbsarbeit, Verpflichtungen und Mental Health sowie der Frage, warum wir dringend mehr Empathie im Studienalltag brauchen.

Wer an ein Hochschulstudium denkt, hat oft das klassische Klischeebild vor Augen: 40 Stunden die Woche Zeit, sich voll auf Vorlesungen, Klausuren und Praktika zu konzentrieren, abends Freizeit mit Freund:innen. Doch die Realität an unserer Hochschule sieht völlig anders aus. Den „Musterstudierenden“, der ohne äußere Zwänge in sechs Semestern durchs Bachelorstudium marschiert, gibt es in der Praxis kaum.

Die Ergebnisse unserer aktuellen Umfrage auf dem AStA-Instagram-Kanal (@asta_fhaachen) im Rahmen der Kampagne zu Mehrbelastungen im Studium bestätigen schwarz auf weiß, was viele von uns täglich spüren: Ein Studium findet nicht im luftleeren Raum statt

Was bedeutet eigentlich „Regelstudienzeit“?
Die Regelstudienzeit ist kein moralischer Maßstab und erst recht kein Beweis für individuelle Leistungsfähigkeit. Die Hochschule weist damit lediglich aus, wie schnell man das Studium im besten Fall absolvieren kann, und verpflichtet sich dazu, die Studiengänge so zu organisieren, dass ein Abschluss in diesem Zeitraum theoretisch machbar ist. Schneller zu studieren ist meist gar nicht möglich, langsamer hingegen die absolute Realität. Bundesweit schafft es im Schnitt nur rund ein Drittel aller Studierenden, das Studium in der Regelstudienzeit zu beenden. Unsere hochschuleigene Umfrage zeichnet ein noch deutlicheres Bild: 80 % der teilnehmenden Studierenden rechnen damit, die vorgesehene Studienzeit zu überschreiten.

• Keine Verzögerung: Nur jede fünfte befragte Person (20,0 %) erwartet einen Abschluss im vorgesehenen Zeitfenster.

• Deutliche Verzögerungen: Bei vielen handelt es sich nicht nur um ein kleines Puffersemester: 41,7 % rechnen mit mindestens drei zusätzlichen Semestern, fast jede vierte Person (22,6 %) sogar mit fünf oder mehr Semestern Verzögerung. Verzögerungen im Studium sind also kein individuelles Scheitern, sondern statistisch gesehen der Normalfall.

Das unsichtbare Gepäck: Job, Care-Arbeit und Lebenshaltung
Warum dauert das Studium länger? Die Antwort liegt in den unsichtbaren Aufgaben und Päckchen, die viele von uns außerhalb des Hörsaals tragen:

1. Finanzieller Druck und Erwerbsarbeit: Knapp zwei Drittel der Befragten (65,8 %) gaben an, dass Erwerbsarbeit neben dem Studium für sie zwingend notwendig ist, um die eigene Existenz und Miete zu sichern. Es geht hierbei nicht um Taschengeld für Luxus. Fast die Hälfte (46,7 %) wendet mindestens 15 Stunden pro Woche für Verpflichtungen neben dem Studium auf; über 11 % arbeiten sogar mehr als 30 Stunden wöchentlich. Das entspricht faktisch einem halben bis ganzen Vollzeitjob neben dem Studium.

2. Verantwortung im Privaten (Care-Arbeit): Studierende sind keine isolierten Lerndienstleister: 60 % übernehmen zumindest gelegentlich Care-Arbeit oder familiäre Verpflichtungen, sei es Kinderbetreuung, die Pflege von Angehörigen oder Unterstützung im familiären Umfeld. Knapp 23 % tun dies sogar täglich oder regelmäßig.

3. Unsichtbare Hürden: Hinzu kommen Belastungen, die man auf den ersten Blick nicht sieht: Chronische körperliche oder psychische Erkrankungen, Behinderungen, prekäre Wohnsituationen, lange Pendelzeiten oder fehlender familiärer Rückhalt sowohl finanziell als auch mental.

Lass deine Freund:innen nicht hängen: Gegen soziale Isolation
Wenn das Studium länger dauert oder Module geschoben werden müssen, passiert oft etwas Tückisches: Man verliert den Anschluss an die bisherige Bezugsgruppe.

• Gemeinschaft zählt: Jede Person studiert unterschiedlich schnell, und das hat unzählige nachvollziehbare Gründe. Nur weil jemand langsamer studiert oder Module schiebt, hält diese Person euch in Gruppenarbeiten nicht auf.

• Vernetzt bleiben: Verabredet euch in der Mensa, trefft euch privat und lasst Freund:innen, die etwas langsamer studieren, nicht zurück. Ein individueller Studienverlauf ist kein Grund, soziale Bindungen einschlafen zu lassen.

Stress, Resilienz und Unterstützungsangebote: Wo verläuft die Grenze?
Stress ist erst einmal eine normale Reaktion. Jede:r von uns kennt Phasen, in denen es brennt, seien es knappe Abgabefristen, endlose Praktikumsberichte oder die Klausurenphase. Stress ist anstrengend, aber zeitlich begrenzt oft unvermeidbar. Hier kommt Resilienz ins Spiel: die Fähigkeit, stressige Situationen und Phasen möglichst unbeschadet zu überstehen und konstruktiv mit Belastungen umzugehen. Doch Resilienz stößt an Grenzen, wenn die Belastung chronisch wird.

Wann ist es noch normaler Stress und wann brauche ich Hilfe?
Es gibt klare Alarmsignale, bei denen Stress in eine ernsthafte Überlastung kippt:

• Vernachlässigung der Grundbedürfnisse: Du kommst wegen des Stresses kaum noch zu grundlegenden Dingen wie regelmäßiger und gesunder Ernährung, Körperpflege oder dem Haushalt.

• Gedankenspiralen und Tunnelblick: Deine Gedanken kreisen ununterbrochen und ausschließlich um das Studium, Leistung, Deadlines und das Bestehen von Prüfungen.

• Gefühl der Ausweglosigkeit: Die Gedanken werden zunehmend negativ und es entsteht das Gefühl, nie wieder aus dieser erdrückenden Stresssituation herauszukommen.

Beratungs- und Hilfsangebote an unserer Hochschule
Niemand muss solche Krisen alleine durchstehen. Nutze frühzeitig die vorhandenen Unterstützungsstrukturen:

• Psychosoziale Beratung (PSB):
Die PSB ist die zentrale Anlaufstelle bei Überlastung, Prüfungsängsten, Motivationskrisen oder persönlichen Problemen.

• Kurse und Workshops: Auf der Website der PSB werden regelmäßig Kurse zur Stressbewältigung, zum Zeitmanagement und zur Resilienzförderung angeboten.

• Notfallkontakte: Befindest du dich in einer akuten seelischen Krise, findest du auf den Seiten der PSB auch direkte Notfallkontakte und Notrufnummern für sofortige Unterstützung.

Unser Appell: Gebt Rücksicht aufeinander!
Das Fazit unserer Umfrage und der Kampagne ist eindeutig: Studierende bringen sehr unterschiedliche Hintergründe und Päckchen mit, die im starren Bild eines Vollzeitstudiums viel zu oft unsichtbar bleiben. Deshalb richtet sich dieser Beitrag an die gesamte Hochschulgemeinschaft:

• Für Lehrende und Beschäftigte: Entwickelt mehr Empathie und Verständnis für Studierende mit Mehrbelastung. Ein Fehlen bei Präsenzveranstaltungen oder späte Abgaben sind in den seltensten Fällen Bequemlichkeit, sondern meist das Resultat existenzieller Vereinbarkeitsprobleme.

Für uns Studierende: Habt Verständnis füreinander, lasst einander nicht allein und sorgt gemeinsam dafür, dass unsere Hochschule ein fairer, unterstützender und gesunder Ort für alle wird!

Author: Kassandra Fickert

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